16.07.26
Aktuell, Mitteldeutsches Revier

5. Mitteldeutsche Revierwendekonferenz, 27.05.2026 Leuna

Bildrechte: Revierwende / Anna Kolata
Bildrechte: Revierwende / Anna Kolata
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„Unsere Region und Gute Arbeit aktiv gestalten“

Am 27. Mai 2026 lud die Revierwende zur mittlerweile 5. Revierwendekonferenz im Mitteldeutschen Revier ins cCe Kulturhaus Leuna. Schwerpunkte der hochkarätig besetzten und mit 170 Teilnehmenden bislang größten Konferenz war die Lage der Industrie in der Region – insbesondere der Chemie – sowie Demografie und Ausbau der Schieneninfrastruktur.

Es wurde diskutiert, was industriepolitisch getan werden muss, um das Revier und seine Wirtschaft zukunftssicher zu machen, welche Chancen neue, nachhaltige Chemie bietet, und welche Bedingungen ein gelingender Strukturwandel für alle Bevölkerungsgruppen braucht. Die Fragen nach der Sicherung Guter Arbeit und der Zukunft der Mitbestimmung waren der Rahmen, der in den Diskussionen immer wieder aufgegriffen wurden.

Begrüßt wurden die Gäste von Sachsen-Anhalts DGB-Chefin Katrin Skirlo und Sachsens DGB-Vorsitzender Daniela Kolbe. Sie mahnten zügiges Handeln an, um Standorte und Gute Arbeit in der Region zu sichern und zukunftsfest zu gestalten.

Politische Diskussionen

Die DGB-Bundesvorsitzende Yasmin Fahimi betonte vor dem Hintergrund des Kohleausstiegs die enorme Bedeutung des Chemiedreiecks in Mitteldeutschland. Die Standort- und Beschäftigungssicherung müsse beim Bund „zur Chefsache“ gemacht werden, sonst drohe „ein Dominoeffekt für die ganze Region und tausende Arbeitsplätze“.

Mit Blick auf die Verwendung der Strukturmittel im Kohleausstieg sagte die DGB-Vorsitzende: „Die Gewerkschaften im Revier werden weiter das Recht einfordern, dass dieses Geld so eingesetzt wird, wie es vereinbart wurde: für gute, tarifgebundene Arbeitsplätze.“ Noch deutlicher wurde sie in Bezug auf den Aufbau neuer Gaskraftwerkkapazitäten und betonte, dass die Kraftwerksstandorte im Osten dabei nicht leer ausgehen dürfen.

Der Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Sven Schulze, betonte: „Strukturwandel gelingt nur mit starken Industriestandorten und guten Arbeitsplätzen.“ Doch die politischen Prozesse seien langsam, beobachtete der sächsische Wirtschafsstaatssekretär Sebastian Scheel. Trotzdem dürfe das Preisschild der Transformation nicht die Industrie Deutschlands sein. In diesem Punkt sind sich die Vertreter Sachsens und Sachsen-Anhalts einig.

Matthias Lindig, MIBRAG-Betriebsratsvorsitzender, brachte eine praktische Perspektive in die politische Diskussion. Mit Blick auf die aktuellen Probleme der Belegschaften forderte er mehr Engagement von Seiten der Politik für die Beschäftigten in der Region.

Wissenschaftliche Impulse

Dass eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik nur gelingt, wenn der Staat klare Regelungen vorgibt und selbst handelt, zeigte der Ökonom Dr. Patrick Kaczmarczyk mit historischen und heutigen Daten.

Mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen ergeben sich daraus mehrere Handlungsempfehlungen, um Mitteldeutschlands Wirtschaft nachhaltig weiterzuentwickeln: Industriestrompreis und Industriewasserstoffpreis garantieren, Netze öffentlich finanzieren, Investitionen verstetigen und Standortförderungen verbindlich an soziale Kriterien wie Tarifbindung knüpfen.

Welche Folgen der demografische Wandel in der Region zu bewirken droht, erklärte überzeugend die Sozialwissenschaftlerin Dr. Katja Salomo von der Universität Kassel. Durch die vorherige Abwanderungswellen von Frauen fehlt den mitteldeutschen Regionen bereits eine Generation. Eine weitere Abwanderung zu verhindern, sollte oberste Priorität haben. Andernfalls brächte diese Entwicklung klare demografische und (anti-)demokratische Folgen mit sich.

Ein Verlust von Infrastrukturen, sozialen Diensten und damit des sozialen Zusammenhalts müsse durch eine gezielte Förderung von Arbeitsplätzen und Wirtschaftswachstum, aber auch durch die Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements begegnet werden. Oder anders: Den Raum für sozialen Zusammenhalt garantieren nicht allein der Arbeitsplatz, sondern auch soziale Treffpunkte und eine lebendige Zivilgesellschaft. Die macht sich aber nicht von allein, sondern braucht politische Unterstützung von allen Seiten.

Workshops und Beteiligung

Erweitert wurde das Konferenzprogramm mit vier Workshops und einer Busexkursion durch den Chemiepark. Auf der Exkursion konnten sich fünfzig Teilnehmende über die Chemieunternehmen am Standort, deren innovative Produktionsverfahren und Neuansiedlungen informieren – für alle ein informativer Einstieg in die folgenden thematischen Diskussionen.

Parallel dazu diskutierten Teilnehmende am frühen Morgen bereits über die Zukunft der Mitbestimmung. In ihrem 75. Jubiläumsjahr steht die Montanmitbestimmung unter dem Druck des laufenden Kohleausstiegs und der zunehmenden Infragestellung von Mitbestimmungsstrukturen. Wie kann die Mitbestimmung nach der Kohle aussehen und welche wir brauchen? Die Teilnehmenden tauschten sich u. a. darüber aus, welche notwendigen Kompetenzen und Rechte für Betriebs- und Personalrät*innen entscheidend sind, damit eine mitbestimmte – und damit erfolgreiche – Transformation in den Betrieben gelingt.

Drei Sessions am Nachmittag griffen die Inputs des Vormittags vertiefend auf. Der Demografische Wandel, die Entwicklungen in der Chemieindustrie und der Auf- und Ausbau der Schieneninfrastruktur sind nicht allein politisch zu behandelnde Themen, sondern Bereiche, die die Arbeit und das Leben der Menschen alltäglich in Mitteldeutschland beschäftigen und ihre Zukunft in der Region bestimmen.

Im Workshop „Handeln und Halten“ beschäftigten sich Akteur*innen aus Betrieben und Kommunen mit der Frage, wie Wegzug und demografischem Wandel im ländlichen Raum begegnet werden kann. Angeregt durch den wissenschaftlichen Input Katja Salomos konnten die Teilnehmenden so eigene Erfahrungswerte für ihre konkreten Bereiche einbringen. Gemeinsam entwickelten sie jeweils Handlungsoptionen für Kommunen und Betriebe, um Arbeits- und Lebensumfeld gegenseitig attraktiv zu gestalten: Von ausreichend vorhandenen (auch betrieblichen) Kitaplätzen, Gesundheitsversorgung bis zur Verkehrsanbindung von Wohn- und Arbeitsorten.

Wer am Vormittag die industriepolitischen Forderungen nach einer aktiven Strukturpolitik Kaczmarczyks wahrgenommen hatte, konnte das Wissen in der Session zur „nachhaltigen Chemie“ direkt auf die Praxis beziehen. Nach einem auftaktgebenden Vortrag von Paul Münnich (Agora Industrie) zu Potenzialen der Umstellung der Rohstoffversorgung in der Chemieindustrie und der Kreislaufwirtschaft entstand eine vielschichtige Diskussion über die Nutzbarmachung und Beispiele für Mitteldeutschland.

Bei UPM Biochemicals wird z. B. Holz der Rotbuche statt Gas für die Produktion von chemischen Grundstoffen genutzt. Bedingungen für die erfolgreiche Umsetzung solch innovativer Ideen im Unternehmen sind laut Betriebsratsvorsitzenden Christopher Schönfeld, wenn die Akteure im Betrieb sozialpartnerschaftlich eingebunden werden und langfristige, verbindliche Planungshorizonte existieren.

Die Langfristigkeit des industriellen Wandels veranschaulichte auch Marco Zimmermann vom Chemie-Großforschungsinstitut Center for the Transformation of Chemistry (CTC). Die dort stattfindende Forschung und Innovation werden sich langfristig auf den hiesigen Fachkräftebedarf und das örtliche Know-How auswirken – jedoch zeigen sich diese Entwicklungen oft erst auf die lange Zeit.

Alexander Bercht, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IGBCE, unterstrich, dass die Transformation der Chemieindustrie eine aktive Industriepolitik brauche, die eine klare Strategie verfolgt. Beide Praxisbeispiele zeigen die Wirkung aktiver Strukturpolitik, die sich für Investitionen in Standorte und die Schaffung mitbestimmter und tarifgebundener Arbeitsplätze einsetzt. Beides zusammen garantiert einen nachhaltigen Mehrwert für einen Wirtschaftsstandort. Klar wurde dabei aber auch, eine nachhaltige Transformation entsteht nicht über Nacht.

Über den Stand der Schienenvorhaben aus dem Investitionsgesetz Kohleregionen im Mitteldeutschen Revier informierte Thomas Lukowiak von der Deutsche Bahn InfraGo in der Session zu „Schienenausbau als Wirtschaftsfaktor“. Die Planungen und die Umsetzung der Schienenprojekte des Investitionsgesetz Kohleregionen im Mitteldeutschen Revier nehmen oft sehr lange Zeit in Anspruch. Die Sicht des Landes Sachsen-Anhalt brachte Michael Schulze vom Ministerium für Infrastruktur und Digitales ein.

Insgesamt machten die Teilnehmenden deutlich, welche Bedeutung der Schiene für die ländlichen Räume und als Faktor der Wirtschaftsentwicklung zukommt. Dabei unterstrichen insbesondere die Vertreter der Länder, dass alle anvisierten Schienenprojekte umgesetzt werden müssen, im Zweifel auch mit verlängerten Fristen über 2038 hinaus.

Außerhalb von Vorträgen und Workshops diente die Revierwendekonferenz als Plattform für die nachhaltige Vernetzung der Strukturwandelakteure aus der Region und im Bund. Ein reger Austausch entwickelte sich nicht nur im eigenen Kreis, sondern auch übergreifend zwischen Betriebsrät*innen, Gewerkschafter*innen, Vertreter*innen aus Politik, Kommunen und Wissenschaft sowie weiteren Akteur*innen im Strukturwandel.

 

 

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