04.09.26
Aktuell, Mitteldeutsches Revier

Nachbericht: Strukturwandel-Stammtisch "Geschlechtergerechter Strukturwandel"

,

Geschlechtergerechter Strukturwandel: Frauen stärker in den Blick nehmen

Strukturwandel bedeutet mehr als den Ausstieg aus der Kohle. Auch Arbeitswelten, Kultur, lokale Infrastruktur und das gesellschaftliche Zusammenleben verändern sich. Damit betrifft der Wandel die gesamte Bevölkerung – allerdings auf unterschiedliche Weise. Der digitale Strukturwandel-Stammtisch „Geschlechtergerechter Strukturwandel“ widmete sich deshalb insbesondere den Erfahrungen und Bedarfen von Frauen.

Strukturwandel nicht nur aus männlicher Perspektive denken

Frida Teller, Promovendin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, plädierte für einen breiten Begriff von Strukturwandel. Dieser dürfe sich nicht allein an traditionell männlich geprägten Arbeitswelten orientieren. Denn das Geschlecht beeinflusse, welche Ressourcen Menschen zur Verfügung stehen und welche Strategien sie entwickeln können, um mit Veränderungen umzugehen.

Auch die Erfahrungen von Frauen in der Industrie seien Teil der Realität des Strukturwandels und böten wertvolles Wissen. Gleichzeitig würden Förderpolitik und Entscheidungsprozesse häufig ohne einen konkreten Fokus auf Gleichstellung gestaltet.

In Sachsen-Anhalt sei Gleichstellung im politischen Rahmen des Strukturwandels zwar grundsätzlich berücksichtigt. So enthielte etwa das Strukturentwicklungsprogramm des Landes gleichstellungsrelevante Indikatoren. Bei der Umsetzung zeige sich jedoch ein anderes Bild: Lediglich 6,4 Prozent der Mittel würden für entsprechende Förderungen eingesetzt, während rund zwei Drittel der Fördersummen in wirtschaftsnahe Infrastruktur flössen.

Damit stelle sich eine zentrale Frage: Wessen Anliegen werden im Strukturwandel gehört – und welche Perspektiven bleiben unberücksichtigt?

Gerade angesichts zunehmender gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen sei es wichtig, weibliche Erfahrungen und Bedarfe stärker sichtbar zu machen. Genannt seien unter anderem häusliche Gewalt, drohende Kürzungen bei der Förderung feministischer und queerer Projekte sowie politische Bestrebungen, Gleichstellung und Genderfragen zurückzudrängen.

Kommunen haben wichtige Handlungsmöglichkeiten

Konstanze Morgenroth, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Leipzig, ergänzte den Blick auf die politischen Rahmenbedingungen mit Erfahrungen aus der kommunalen Gleichstellungsarbeit. Gleichstellung werde zwar zunehmend als Faktor für einen erfolgreichen Strukturwandel anerkannt. Wie sie konkret in Entscheidungsprozessen umgesetzt werden könne, bleibe jedoch vielfach offen.

Dabei hätten Kommunen sehr wohl Möglichkeiten, Gleichstellung mit Fachkräftegewinnung zu verbinden. Wer etwa für neue Arbeitsplätze in Bereichen wie Chemie, Wasserstoff, Bioökonomie oder in MINT-Berufen gewonnen werden könne, hänge auch davon ab, wer Zugang zu Ausbildung und Weiterbildung habe und welche Bevölkerungsgruppen von wirtschaftlichen Entwicklungen profitierten.

Kommunen könnten beispielsweise Mädchen gezielt für MINT-Berufe begeistern, Frauen bei Weiterbildungen unterstützen und Gründerinnen sowie Unternehmerinnen fördern. Auch eine stärkere Sensibilisierung von Unternehmen für familienfreundliche Arbeitsmodelle könne dazu beitragen, Fachkräftegewinnung und Gleichstellung miteinander zu verbinden.

Gleichstellung entscheidet sich im Alltag

Ob eine Region für Frauen attraktiv sei, entscheide sich jedoch nicht allein auf dem Arbeitsmarkt. Eine Region könne wirtschaftlich erfolgreich und dennoch für Frauen wenig attraktiv sein, betonte Morgenroth.

Entscheidend seien deshalb auch die Bedingungen des alltäglichen Lebens: eine verlässliche und bedarfsgerechte Kinderbetreuung, gute Pflege- und Unterstützungsangebote, eine funktionierende ÖPNV-Anbindung auch im ländlichen Raum sowie sichere Wege und Haltestellen. Hinzu kämen eine wohnortnahe Gesundheitsversorgung, Kultur- und Begegnungsräume sowie Infrastruktur und Netzwerke für den Gewaltschutz.

Auch die politische Beteiligung von Frauen sei ein wichtiger Bestandteil eines geschlechtergerechten Strukturwandels. Frauen müssten in Stadt- und Gemeinderäten, Kreistagen, Projektgremien und Führungspositionen stärker vertreten sein. Kommunen könnten hierfür unter anderem Mentoringprogramme, Netzwerke und Unterstützungsangebote für kommunalpolitisch interessierte Frauen und Mandatsträgerinnen aufbauen.

Familienfreundliche Sitzungszeiten, digitale Beteiligungsmöglichkeiten und Kinderbetreuungsangebote bei politischen Veranstaltungen könnten zusätzliche Hürden abbauen.

Vielfalt muss sich in der Gestaltung des Strukturwandels widerspiegeln

Bei der Umsetzung konkreter Strukturwandelprojekte zeigten sich laut den Teilnehmenden allerdings weiterhin Herausforderungen. So sei beispielsweise im Regionalen Begleitausschuss in Sachsen, der über beantragte Projekte berät, Gleichstellung bislang kein Kriterium für einen positiven Projektbescheid.

Wer den Strukturwandel nachhaltig gestalten wolle, müsse gleichstellungspolitische Aspekte daher stärker in die Projekte integrieren – etwa bei Fragen der Mobilität, Weiterbildung oder Fachkräftegewinnung.

Eine weitere Herausforderung sei das fehlende Wissen über die konkreten Bedarfe von Frauen in den Regionen. Gleichstellungsrelevante Daten seien häufig nicht oder nicht ausreichend vorhanden. Wie gut sind Kinderbetreuung und Pflegeangebote? Wie erreichbar sind Gesundheitsversorgung und Kultur? Wie mobil sind Frauen im ländlichen Raum? Und wie gestaltet sich die Lebensrealität nicht-binärer Personen?

Auch Wanderungssalden junger Frauen, das Geschlechterverhältnis in verschiedenen Altersgruppen, der Anteil von Frauen in Voll- und Teilzeitbeschäftigung, Qualifikationsniveaus, die politische Beteiligung in Kommunalparlamenten oder der Frauenanteil in Führungspositionen könnten Hinweise darauf geben, wie attraktiv eine Region für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen tatsächlich ist.

Nachhaltiger Strukturwandel braucht alle Perspektiven

Strukturwandel kann nur dann nachhaltig und gerecht sein, wenn er die unterschiedlichen Lebensrealitäten der Menschen berücksichtigt, so die einhellige Meinung am Ende des Stammtischs. Ein geschlechtergerechter Strukturwandel sei damit nicht nur eine Frage der Gleichstellungspolitik. Er sei vielmehr ein wichtiger Bestandteil einer zukunftsfähigen Regionalentwicklung, von der möglichst viele Menschen profitieren können.

Der digitale Strukturwandel-Stammtisch für das Mitteldeutsche Revier ist eine Veranstaltungsreihe des Bündnis StrukturWandeln im Rahmen des Projekts Zusammenwachsen – Engagiert im Revier, und wird in Kooperation mit Revierwende durchgeführt.

NEWSLETTER

Bleiben Sie informiert.

Bleiben Sie auf dem neusten Stand über unsere Aktivitäten, Neuigkeiten und Entwicklungen zum Fortschritt des Strukturwandels in den Revieren und melden Sie sich kostenfrei für unseren Newsletter an.

Cookie-Einstellungen
Auf dieser Website werden Cookie verwendet. Diese werden für den Betrieb der Website benötigt oder helfen uns dabei, die Website zu verbessern.
Alle Cookies zulassen
Auswahl speichern
Individuelle Einstellungen
Individuelle Einstellungen
Dies ist eine Übersicht aller Cookies, die auf der Website verwendet werden. Sie haben die Möglichkeit, individuelle Cookie-Einstellungen vorzunehmen. Geben Sie einzelnen Cookies oder ganzen Gruppen Ihre Einwilligung. Essentielle Cookies lassen sich nicht deaktivieren.
Speichern
Abbrechen
Essenziell (1)
Essenzielle Cookies werden für die grundlegende Funktionalität der Website benötigt.
Cookies anzeigen
Statistik (1)
Statistik Cookies tracken den Nutzer und das dazugehörige Surfverhalten um die Nutzererfahrung zu verbessern.
Cookies anzeigen