01.06.26
Aktuell, Bundesweit, Mitteldeutsches Revier

Nachbericht Strukturwandel-Stammtisch "Moderne Mobilität mit Guter Arbeit?! ÖPNV im Mitteldeutschen Revier"

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Strukturwandel bedeutet mehr als die klimaneutrale Umgestaltung unserer Wirtschaft – er umfasst auch eine Modernisierung des Verkehrs. Beim Strukturwandelstammtisch diskutierten drei Experten, wie zukunftsfähige Mobilität im mitteldeutschen Revier gestaltet werden kann.

Herausforderungen im Verkehrssektor

Christian Grötsch von der Strukturentwicklungs- und Wirtschaftsfördergesellschaft des Burgenlandkreises (SEWIG) machte deutlich: Der Verkehrssektor steht beim Klimaschutz unter erheblichem Handlungsdruck. Der Umstieg auf E-Mobilität und CO₂-neutrale Kraftstoffe erfordert hohe Investitionen. Gleichzeitig stellt die Finanzierung von Betrieb und Infrastruktur des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) viele Kommunen vor große Herausforderungen.

Besonders im ländlichen Raum – wie im Burgenlandkreis – sind die Bedingungen schwierig: geringe Siedlungsdichte, lange Wege und ein eingeschränktes ÖPNV-Angebot erschweren die Mobilitätswende zusätzlich.

Neue Lösungen für den ländlichen Raum

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, setzt der Burgenlandkreis auf innovative Verkehrsprojekte. Mit Fördermitteln in Höhe von 6 Mio. Euro aus dem europäischen „Just Transition Fund“ und Eigenmitteln in Höhe von 2,5 Mio. Euro werden flexible Mobilitätsangebote aufgebaut.

Ein zentrales Projekt ist ein Rufbus-System, das im August 2026 startet. Ohne festen Fahrplan oder starre Linien können Fahrgäste ihre Fahrten per App oder telefonisch buchen – mit nur einer Stunde Vorlaufzeit. Ergänzend wird der Fahrkomfort verbessert: WLAN, bargeldloses Bezahlen sowie Echtzeit-Informationen zu Verbindungen und Anschlüssen sollen den ÖPNV attraktiver machen.

Auch autonome Mobilität wird erprobt: In den kommenden Jahren sollen selbstfahrende Kleinbusse auf festgelegten Strecken – etwa zwischen dem Chemie- und Industriepark Zeitz und der Arche Nebra – eingesetzt werden.

Langfristiges Ziel ist ein flächendeckendes, nachhaltiges Mobilitätsnetz mit elektrifizierter Fahrzeugflotte. Dabei arbeitet der Landkreis eng mit den Hochschulen Merseburg und Anhalt und der Universität Magdeburg zusammen.

Innovative Projekte in Nordsachsen

Auch im Landkreis Nordsachsen werden neue Mobilitätslösungen getestet. Christian Hoyas, Leiter des Straßenverkehrsamtes, stellte mehrere Projekte vor.

Mit den Initiativen „Flash 1“ und „Flash 2“ wird der Einsatz automatisierter Busse erprobt. Bereits seit 2022 ist „Flash 1“ im Fahrgastbetrieb: Fahrerlose Busse verkehren auf einer rund zehn Kilometer langen Strecke zwischen Rackwitz und der Schladitzer Bucht.

Das Nachfolgeprojekt „Flash 2“ soll künftig mehrere autonome Fahrzeuge vernetzen und vor allem Spitzen im Pendelverkehr zwischen dem S-Bahn-Halt Flughafen Halle/Leipzig, den DHL-Betriebsstätten und den Gewerbegebieten in Schkeuditz-West ausgleichen.

Die fahrerlosen Fahrzeuge verfügen über einen hohen Automatisierungsgrad. Die Sicherheit wird über eine rechtlich vorgeschriebene Aufsichtsperson, die im Notfall eingreifen kann, und technische Absicherungsmaßnahmen gewährleistet.

Ergänzend bietet das Projekt „Flexa“ ein flexibles Bussystem: Wenn kein regulärer Linienverkehr verfügbar ist, können Fahrgäste per App oder Telefon einen Bus bestellen. Acht Kleinbusse sichern so von frühmorgens bis in den Abend die Mobilität in einem großen Bediengebiet.

Arbeitsbedingungen und Finanzierung im Fokus

Michael Sommer von der Gewerkschaft ver.di brachte die Perspektive der Beschäftigten ein. Die Arbeitsbedingungen im Busverkehr gelten als wenig attraktiv: Wechselnde Schichten, lange Schichtzeiten, geringe Bezahlung und unbezahlte Pausen erschweren die Arbeit.

Hinzu kommt ein wachsender Fachkräftemangel: Bis 2030 scheidet im gesamten Bundesgebiet die Hälfte der Busfahrenden aus oder verlassen den Beruf, 63.000 Stellen müssten neu besetzt werden, notwendig wären aber 87.000.

Sommer betonte, dass der ÖPNV stärker als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge verstanden werden müsse. Investitionen in Mobilität zahlen sich volkswirtschaftlich aus und tragen zur gesellschaftlichen Teilhabe bei. Leider sähen Arbeitgeber, Bund und Länder den ÖPNV größtenteils betriebswirtschaftlich. Das wirkt sich auf die Tariflandschaft aus: Regelmäßig werden Leistungen an Subunternehmen vergeben, über die errungene Arbeitsstandards wieder umgangen werden.

Innovative Ansätze wie On-Demand-Verkehre und autonome Busse könnten die Mobilität im ländlichen Raum deutlich verbessern. Entscheidend wird jedoch sein, diese Entwicklungen mit verlässlicher Finanzierung und besseren Arbeitsbedingungen im ÖPNV zu verbinden.

Der Strukturwandel-Stammtisch fand in Kooperation zwischen Revierwende und dem Bündnis Strukturwandeln im Rahmen des Projekts ZusammenWachsen – Engagiert im Revier statt.

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