Wo steht die Lausitz beim Thema Geschlechtergerechtigkeit im Strukturwandel? Und was folgt daraus konkret für die Entwicklung der Region? Diesen Fragen widmete sich das prominent besetzte Fachforum „Was braucht die Lausitz? – Hilfe aus dem All!“ am 16. März 2026 in Hoyerswerda, zu der REVIERWENDE Lausitz gemeinsam mit dem DGB Ostsachsen und der Friedrich-Ebert-Stiftung Sachsen eingeladen hatte. Ziel war es, die Bedeutung des Themas für den Strukturwandel und den Arbeitsmarkt deutlich zu machen und mit konkretem Blick auf die Lausitz faktenbasiert zu beleuchten.
Fernsehbeitrag Lausitzwelle: Lausitz/Hoyerswerda: Revierwende und die Rolle der Frau (7,46 min)

Mit über 100 Anmeldungen und einem voll besetzten Saal im Schloss Hoyerswerda wurde deutlich: Das Interesse ist da – und der Bedarf auch, stellte der Oberbürgermeister der Stadt, Torsten Ruban-Zeh, bei seiner Begrüßung fest. Marko Schmidt von der REVIERWENDE sieht in der Gleichstellung von Männern und Frauen einen zentralen Standortfaktor für die Lausitz. Dies erforderten Offenheit für kritische Anmerkungen und eine klare Haltung, insbesondere auch von Männern für das Thema.
Die REVIERWENDE Lausitz arbeitet dafür mit verschiedenen Methoden und Partner*innen zusammen, um vielfältige Perspektiven auf den Wandel – etwa von Frauen, Migrant*innen und verschiedenen Generationen zusammenzubringen. Bereits mit dem Neujahrsempfang der Kooperationspartnerinnen unter dem Motto „Gleichstellung ist unverhandelbar“ im Januar 2026 in Görlitz wurde ein breiter zivilgesellschaftlicher Auftakt gesetzt. In Hoyerswerda folgte nun der nächste Schritt: ein fachlich und politisch ausgerichteter Austausch zwischen unterschiedlichen Strukturwandelakteuren in der Lausitz.
Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Korina Jenßen führt zu Beginn ein, dass die einstige Vorzeigestadt Hoyerswerda, für die Lausitz im Strukturwandel typisch, bis heute von Bevölkerungsrückgang, Überalterung und einem sinkenden Erwerbspersonenpotenzial geprägt ist und sich seit den 90er Jahren von einer industriell geprägten Stadt zu einer dienstleistungsorientierten entwickelt. Um die grundsätzlich vorhandene Lebensqualität dabei zu sichern, braucht es aus ihrer Perspektive mehr Bleibe-, Rückkehr- und Zuzugsperspektiven – insbesondere auch für Frauen – mit guter Arbeit, fairen Löhnen, beruflichen Entwicklungschancen sowie attraktiven Lebens- und Rahmenbedingungen. Auf Grundlage wissenschaftlicher Forschungsergebnisse und praktischer Erfahrungen diskutierten die Teilnehmenden im Verlauf der Veranstaltung konkrete Handlungserfordernisse für mehr Gleichstellung zwischen Frauen und Männern innerhalb ihrer jeweiligen Verantwortungsbereiche wie in der Zusammenarbeit miteinander.
Das Gespräch auf dem Podium und durch den Abend führte Moderatorin Livia Knebel.
Was wissen wir? Drei fachliche Impulse
Fundierte Grundlagen für die anschließende Diskussion lieferten drei Fachvorträge:
Dr. Katja Salomo (WZB Berlin) machte deutlich, dass der demografische Wandel in der Lausitz besonders stark ausgeprägt ist und langfristige Folgen hat. Insbesondere die Abwanderung junger Frauen in den 90er und 2000er Jahren wirkt bis heute nach. Trotz jüngster Stabilisierung bleiben Alterung und Fachkräftemangel zentrale Herausforderungen für Zivilgesellschaft und Arbeitsmarkt in der Region. Dem muss nicht nur mit Fördermitteln, sondern auch mit geschlechtersensiblem Handeln auf allen politischen Ebenen begegnet werden, um Betroffene nicht mit ausgedünnten Infrastrukturen in der Fläche und überlasteten Kommunen ohne Gestaltungsspielraum vor Ort allein zu lassen, so Salomo. Zur Präsentation
Antonia Milbert zeigte anhand von Auswertungsergebnissen der Begleitforschung am BBSR, wo das Lausitzer Revier in Bezug auf die Gleichstellung steht und wie stark diese von strukturellen Rahmenbedingungen vor Ort abhängt. Die zum Teil beachtlichen Unterschiede zwischen den Landkreisen in Brandenburg und Sachsen ergeben sich dabei häufig nicht aus individuellen Entscheidungen der Betroffenen, sondern aus fehlenden Möglichkeiten, etwa durch mangelnde Bildungsinfrastruktur, eingeschränkte berufliche Perspektiven oder fehlende Beteiligungsmöglichkeiten. Darum braucht Strukturwandel Gleichstellung, wenn sich die Milliardeninvestitionen über die Jahre auszahlen sollen, denn „Frauen bringen andere Gesichtspunkte in den Strukturwandel, von dem auch sie und ihre Familien profitieren sollen“, so Milbert. Zur Präsentation
Zur Sonderauswertung des Gender-Index für die Lausitz: Strukturwandel braucht Gleichstellung
Ein konkretes Praxisbeispiel für ein strategisches Vorgehen hin zu mehr Gleichstellung in Wandlungsprozessen steuerte das Deutsche Zentrum für Astrophysik (DZA) bei, vorgestellt von Dr. Anika Noack und Dr. Andreas Otto. Sie verdeutlichten, welche Chancen darin liegen, Wandel zu nutzen, um Gleichstellung von Beginn an in neue Strukturen zu integrieren, z. B. durch zielgruppenspezifischere Ansprachen bei der Personalgewinnung, durch Angebote zur praktischen Realisierung von Vereinbarkeiten zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit und Unterstützung ehrenamtlichen Engagements der Mitarbeitenden vor Ort, durch lebensphasenorientierte Gestaltung von Arbeitsbedingungen und geschlechtergerechte berufliche Entwicklungsmöglichkeiten. „Gute betriebliche Perspektiven für Frauen heißt gute Perspektiven für alle“, fasst Otto den Mehrwert dieses Ansatzes zusammen und lädt ein, die Erfahrungen aus dem Projekt Trafo*NOVA: „Regionale Transformation für alle gestalten – Neue berufliche Perspektiven für Frauen am DZA“ in andere betriebliche Einrichtungen der Lausitz als Wissenschaftsregion zu transferieren. Zur Präsentation
Podiumsgespräch: Was brauchen wir? Zwischen Anspruch und Umsetzung
Ein zentraler Konsens zog sich durch die Diskussion: Gleichstellung ist kein Nischenthema oder Nebenschauplatz, sondern ein harter Standortfaktor für die Lausitz. Ohne attraktive Bedingungen für Frauen drohen weitere Abwanderungen und mit ihrem Verlust langfristig neue strukturelle Brüche.
Entsprechend lag ein Schwerpunkt der Debatte auf den notwendigen Rahmenbedingungen dafür: leistungsfähige Infrastruktur, verlässliche Kinderbetreuung, gute ÖPNV-Anbindung sowie attraktive und sichere Arbeitsbedingungen, auch jenseits klassischer Industriejobs.
Auch im wissenschaftlichen Bereich wurden prekäre Beschäftigungsverhältnisse und fehlende Planungssicherheit von Dr. Katharina Henjes-Kunst als Herausforderung benannt. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Einrichtungen wie das DZA den Anspruch verfolgen, hier neue, attraktivere Rahmenbedingungen zu schaffen und als positives Beispiel in der Region zu wirken.
Dirk Panter verwies in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung von Frauen in der sächsischen Wirtschaft aber den nach wie vor zu geringen Frauenanteil in Führungspositionen. Wir brauchen eine gleichberechtigte Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit in modernen Familien. Familiengründung darf nicht länger ein Nachteil sein in Erwerbsbiografien von Frauen, wenn wir ihre Fachkräftepotenziale nutzen und der Überalterung der Gesellschaft entgegenwirken wollen, betont der sächsische Wirtschaftsminister.
Auch wenn beim Schließen der Lohnlücke zwischen Männern und Frauen Fortschritte zu erkennen sind, erläuterte Daniela Kolbe, dass diese auch im europäischen Vergleich zu langsam erfolgen. Sie hob die Bedeutung von Tarifbindung und der Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie hervor, um strukturelle Ungerechtigkeiten insbesondere für Frauen in Ostdeutschland abzubauen – wo der bereinigte Gender Pay Gap entgegen den alten Bundesländern deutlich höher ist als der unbereinigte. Zugleich warnte sie davor, dass der Strukturwandel nicht zu einer Retraditionalisierung führen darf, auch indem Frauen aus industriellen Beschäftigungen in schlechter bezahlte Dienstleistungsbereiche gedrängt werden. Entscheidend sei daher, im Zuge des Wandels gleichwertige und gut bezahlte Arbeitsplätze auch für Frauen zu schaffen.
Neben der systematischen Einbindung engagierter Frauennetzwerke seien Fragen der Vereinbarkeit zentrale Zukunftsaufgaben für die Lausitz, insbesondere auch mit Blick auf Pflege im Kontext des demografischen Wandels, macht Manuela Gogsch deutlich. Sie sieht bei den Frauen in der Region viel Potenzial aber diese brauchen Rahmenbedingungen die ermöglichen, dazu gehören für sie verlässliche Infrastrukturen, sei es bei der Kinderbetreuung oder dem ÖPNV.
Daran anknüpfend wiesen die Gleichstellungsbeauftragten Marika Vetter und Aline Erdmann daraufhin, dass Themen wie Care-Arbeit und Vereinbarkeit zentrale Stellschrauben im Strukturwandel sind und nicht als individuelle, sondern als strukturelle Herausforderungen verstanden werden müssen. Aus ihrer Sicht ist es entscheidend, strukturelle Benachteiligungen zu erkennen, um sie beheben zu können. Denn Frauen sind nicht weniger ambitioniert, sondern stoßen auf strukturelle Hürden. Umso wichtiger sei es, genau diese Rahmenbedingungen in den Blick zu nehmen und die Gleichstellungsbeauftragten dafür systematisch in die Gestaltung der Strukturwandelprozesse einzubeziehen. Diesen Faden nahm auch Jörg Huntemann auf, indem er deutlich machte, dass er hinsichtlich der Strukturwandelprozesse wieder regelmäßiger das Gespräch mit dem Bündnis der Gleichstellungsbeauftragten in der Lausitz suchen wird.
Daniela Kolbe warb zudem für die fristgerechte politische Umsetzung der europäischen Entgelttransparenzrichtlinie bis Juni 2026 und damit eine qualitative Weiterentwicklung des geltenden Entgelttransparenzgesetztes für alle. Solange seien Tarifverträge das wirksamste Instrument, um mehr Gleichstellung bei der Entlohnung zu erreichen.
Auch Staatsminister Dirk Panter verwies diesbezüglich auf Nachholbedarf: In Sachsen profitieren aktuell nur rund 40 Prozent der Beschäftigten von Tarifverträgen – ein Großteil davon im öffentlichen Dienst, während die Tarifbindung in der Privatwirtschaft deutlich niedriger liegt. Er unterstrich damit die Bedeutung dieses Themas und machte deutlich, dass Sachsen eigene Wege finden müsse, um die Tarifbindung zu erhöhen.
Zentrale Erkenntnisse
Der fachliche Austausch machte deutlich:
- Gleichstellung ist kein Randthema, sondern ein zentraler Faktor für die Zukunftsfähigkeit der Lausitz
- Das große Interesse und der voll besetzte Saal zeigen: Das Thema trifft einen Nerv und stößt in der Region auf hohe Aufmerksamkeit.
- Die Herausforderungen sind bekannt und gut belegt: Abwanderung, demografischer Wandel und strukturelle Benachteiligungen wirken zusammen und verstärken sich gegenseitig.
- Entscheidend sind die Rahmenbedingungen: Infrastruktur, Kinderbetreuung, ÖPNV sowie attraktive und verlässliche Arbeitsbedingungen.
- Gleichstellung scheitert nicht an fehlendem Engagement von Frauen, sondern an strukturellen Hürden.
- Es gibt bereits Ansätze und Beispiele, wie Gleichstellung im Strukturwandel verankert werden kann. Diese müssen jedoch stärker sichtbar gemacht und systematischer genutzt werden.
- Gleichzeitig zeigt sich eine zentrale Lücke: Zwischen vorhandenen Erkenntnissen und konkretem Handeln besteht weiterhin ein deutlicher Abstand.
Ausblick: Vom Wissen ins Handeln kommen
Mit der Veranstaltung wurde ein weiterer wichtiger Schritt in der Lausitz getan, um das Thema Geschlechtergerechtigkeit im Strukturwandel politisch und fachlich breiter zu verankern. Aufbauend auf dem zivilgesellschaftlichen Auftakt im Januar wurde Gleichstellung als Standortfaktor für die Entwicklung der Region faktenbasiert und mit politischer Beteiligung diskutiert.
Gleichzeitig wurde deutlich: Erkenntnisse und Problemlagen sind vielfach bekannt. Die Herausforderung liegt darin, diese in konkrete Maßnahmen zu übersetzen und deren Erfolg zu kontrollieren. Der bestehende Abstand zwischen Wissen und Handeln muss geschlossen werden.
Das große Interesse und die hohe Beteiligung zeigen, dass das Thema in der Breite in der Region angekommen ist. Darauf gilt es aufzubauen: durch stärkere Vernetzung, die systematische Einbindung relevanter Akteurinnen und Akteure sowie die konsequente (Weiter-)Entwicklung konkreter Lösungsansätze unter Beteiligung der betroffenen Frauen und Mädchen in der Lausitz.
Dabei wird es auch darum gehen, bisher weniger stark beleuchtete Aspekte und Geschlechterverhältnisse in der Lausitz, wie Fragen der Vereinbarkeit und Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit, künftig noch systematischer in den Blick zu nehmen. Das unterstützt nicht nur Frauen.
Die REVIERWENDE Lausitz wird diesen Prozess weiter begleiten. Unser Ziel ist es, Gleichstellung im Strukturwandel nicht nur mitzudenken, sondern gemeinsam mit den Akteurinnen und Akteuren vor Ort in den Betrieben aktiv voranzubringen, um die Chancen des Wandels geschlechtergerecht zu gestalten.
Unser aktuelles REVIERWENDE-Schlaglicht widmet sich daher dem Wissenstransfer: „Gleichstellung im Strukturwandel – Geschlechterverhältnisse in der Lausitz“. Vier Gastautorinnen der BTU-Cottbus-Senftenberg, dem BBSR und der Hochschule Zittau-Görlitz haben darin aktuelle Ergebnisse aus ihren Forschungs- und Transfer-Projekten kurz und prägnant, allgemeinverständlich und praxistauglich aufbereitet. Ergänzt um gewerkschaftliche Beschlüsse und aktuelle Forderungen an Politik und Wirtschaft, liefert das Schlaglicht auf seinen vier Seiten faktenbasierte Grundlagen für die laufenden Debatten im Strukturwandel und Gleichstellung als Gelingensfaktor. Zum Download
Genderblick auf weibliche Arbeits- und Lebenswelten in der Lausitz
Begleitend zur Veranstaltung zeigte eine Poster-Ausstellung des Instituts für Neue Industriekultur (INIK GmbH) Zahlen, Daten und Fakten zu Gender Gaps in Hoyerswerda und machte die Thematik damit konkret vor Ort auch visuell greifbarer.
Ergänzend dazu stellte die REVIERWENDE Lausitz Aushänge mit aktuellen geschlechtsspezifisch aufbereiteten Daten zur Lausitz bereit. Diese umfassten Darstellungen zur Bevölkerung , zur Branchenverteilung, zum Gender-Care-Gap und zur Arbeitslosigkeit.
Kontakt
Ihre Ansprechpartnerin zu diesem Thema bei der REVIERWENDE Lausitz ist Katrin Treffkorn. Ihre Kontaktdaten finden Sie unter www.revierwende.de/lausitzer-revier. Hier können Sie sich auch für den REVIERWENDE-Newsletter anmelden, um aktuelle Informationen zur Arbeit unsereres Teams im Lausitzer Strukturwandel zu erhalten und zu weiteren Veranstaltungen direkt eingeladen zu werden.
Downloadmaterial
Fernsehbeitrag Lausitzwelle: Lausitz/Hoyerswerda: Revierwende und die Rolle der Frau (7,46 min)
Dr. Katja Salomo – Demografischer Wandel in der Lausitz
Poster-Ausstellung des Institutes für Neue Industriekultur GmbH – Wie weiblich ist Hoyerswerda?
BBSR-Sonderauswertung des Gender-Index für die Lausitz: Strukturwandel braucht Gleichstellung
geschlechtsspezifisch aufbereiteten Daten zur Lausitz:


