Themenforum 2: „Kompass Weiterbildung: Welche Instrumente und Handlungsbedarfe gibt es?“

In Themenforum 2 diskutierten Dr. Ramona Schröder (Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit) und Torsten Rautenberg (Betriebsrat VW Zwickau), unter Moderation von Mark Hagen und Peter Neßmann (Revierwende) über Reformbedarfe der Weiterbildungsförderung, sowie über die Frage, wie flächendeckende Weiterbildung, am Beispiel des VW-Werks in Zwickau, im laufenden Betrieb realisiert werden kann. Fazit der Diskussionsrunde: Tatsächlich gibt es bereits eine Vielzahl an Weiterbildungsmöglichkeiten, wobei größere Unternehmen wie VW ganz andere Möglichkeiten haben, Weiterbildung und Qualifizierung voranzutreiben als kleine und mittlere Unternehmen. Diese, vor allem Zulieferfirmen, sind abhängig von ihrer Stellung in den jeweiligen Lieferketten. Denn: Welche Innovationen zukünftig relevant sind, das entscheiden in der Regel Großunternehmen. KMU hingegen haben kürzere Entscheidungshorizonte, und sind daher strategisch weniger in der Lage, Weiterbildungsstrategien zu entwickeln. Auch haben sie nicht die personellen Kapazitäten, die Vielzahl an Förderprogrammen zu überblicken. Eine Empfehlung wäre daher, die verschiedenen Förderinstrumente bündeln und aufbereiten. Weiterbildungsverbünde können dazu einen entscheidenden Beitrag leisten. Entscheidend für eine große Weiterbildungsbeteiligung ist zudem die tarifliche Absicherung der Beschäftigten während der Zeit der Qualifizierung. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Mitarbeitende übergangen werden. Auch müssen sich Geschäftsführungen stärker auf die individuelle Qualifikation der Mitarbeitenden, auch außerhalb der klassischen Berufsbilder (z.B. Fremdsprachenkenntnisse, Hobbies etc.) einlassen.

Ramona Schröder betonte zu Beginn, dass vor allem kleinere Unternehmen in ihrer betrieblichen Organisation Herausforderungen hätten, eine systematische und individuelle Qualifizierung im laufenden Betrieb zu etablieren. Der Verzicht auf einen oder mehrere Mitarbeitende, sowie administrative Hürden sei eine große Herausforderung. Zu Beginn der Corona Pandemie wurde die Weiterbildungsförderung mit dem angepassten Qualifizierungschancen-, sowie mit dem Arbeit-von-Morgen-Gesetzt erleichtert. Gleichzeitig sei es aber auch seit der Pandemie schwieriger, die Menschen persönlich zu erreichen. In der aktuellen wirtschaftlichen Lage hätten Menschen zudem wenig Neigung an einer Weiterbildung teilzunehmen und bräuchten ein ganz neues, positiveres Narrativ zum Thema Weiterbildung.

Torsten Rautenberg berichtete, wie es der VW-Standort in Zwickau innerhalb von zwei Jahren geschafft hat, das Werk im laufenden Betrieb für die Produktion von E-Automobilen umzustellen. Eine besondere Rolle kam dabei dem Betriebsrat als Vermittler für die neue Technologie zu, denn E-Mobilität war weder in der Bevölkerung noch in der Belegschaft hoch angesehen. Zu Beginn wurde eine Informationsveranstaltung zum Thema E-Mobilität für alle 9.000 Mitarbeitenden durchgeführt: Was kommt konkret auf die Belegschaft zu? Welche Qualifikationen werden benötigt? Wie wird sich meine Arbeit verändern? In einem ersten Schritt ging es darum, Ängste zu nehmen und Chancen aufzuzeigen, denn: Mit der Umstellung auf E-Mobilität konnten am vormals gefährdeten Standort Arbeitsplätze erhalten und sogar neue aufgebaut werden. Mit dieser klaren Perspektive war die Belegschaft an Bord. Mir der Weiterbildungsförderung des Qualifizierungschancengesetzes waren eine Vielzahl an Weiterbildungen z.B. im Bereich KFZ Mechatronik, Systemtechnik Hochvolt, oder Maschinen- und Anlagenführung möglich. Zudem konnte das Werk auf ein VW internes Netzwerk von insgesamt 30 Bildungsträgern zurückgreifen. Dabei sind deren Angebote auch im Verbund mit anderen Unternehmen und öffentliche Stellen (wie z.B. Polizei und Feuerwehr zum Umgang mit Hochvoltanlagen) zugänglich.

Auch Ramona Schröder hob die Wichtigkeit von Ausbildungskooperationen hervor, schließlich könnten Weiterbildungsverbünde Ressourcen bündeln und Best Practises in der Fläche nutzbar machen. Die Ausbildungskooperation der Deutschen Bahn und der LEAG in Cottbus sei dafür ein gutes Beispiel. Die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit will daher auch verstärkt die Vernetzung verschiedener Aus- und Weiterbildungsanbieter ausweiten und eine Verbundstruktur organisieren, um ein breites Portfolie an Angeboten zu generieren.  Denn viele kleine und mittlere Unternehmen, gerade Automobilzulieferer in Brandenburg, wüssten nicht, welche Bildungsinhalte sie zukünftig bräuchten.

Torsten Rautenberg betonte, dass ein Treiber von Qualifizierung unternehmerischer Innovationsdruck sei. Größere Firmen müssten daher zuerst in neue Technologien investieren, damit Zulieferbetriebe wissen, in welche Bereiche zukünftig qualifiziert werden soll. Laut Ramona Schröder entstehe dieser Innovationsdruck derzeit vor allem im gewerblichen Bereich, insbesondere im Baugewerbe, sowie der Automobil- und Energieindustrie. Torsten Rautenberg prognostiziert in diesem Zusammenhang, dass anstelle von komplett neuen Berufsbildern vielmehr flexible Zusatzqualifikationen, die zusätzlich zur beruflichen Ausbildung erworben werden müssten, entstünden. Eine Frage sei, ob die derzeitigen IHK-Ausbildungsinhalte noch zeitgemäß seien.

Robert Schneider vom Kompetenzzentrum KompZ in Cottbus berichtete aus der beruflichen Praxis mit Unternehmen in der Lausitz, dass sich diese eine passgenauere Weiterbildungsberatung durch die Bundesagentur für Arbeit wünschten. Zudem sei das Geflecht aus Bildungsträgern zu unübersichtlich, was eine Weiterbildungsbeteiligung insbesondere von KMU zusätzlich erschweren würde. In den Arbeitsagenturen brauche es daher feste Ansprechpartner*innen und Werber*innen in der Region für Angebote der Weiterbildungsförderung. Auch sei es für Unternehmen hilfreich, mögliche zukünftige Entwicklungspfad aufgezeigt zu bekommen, da kleine und mittlere Unternehmen kaum Kapazitäten für eine strategische Unternehmens- und Personalentwicklung hätten. Die häufigste Art der Weiterbildung in den Unternehmen sei deshalb im informellen Bereich („learning-by-doing“ und „training-on-the-job“) anzutreffen. Dieser informelle Weiterbildungssektor lasse sich jedoch für die Beschäftigten am Arbeitsmarkt nicht unbedingt in Lohnsteigerungen und berufliche Aufstiege verwerten.

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