Themenforum 3: „Fachkräfte sichern, vorhandene Potenziale erschließen: Wie wird Ausbildung in Transformationsregionen attraktiver?“

In Themenforum 3 diskutierten Ute Neumann (DGB Bezirksjugendsekretärin Niedersachsen/Bremen/Sachsen-Anhalt) und Martin Wohlgemuth (Koordinator Fachkräfteberatung der Landesinitiative Fachkraft im Fokus des Landes Sachsen-Anhalt), unter Moderation von Hilmar Preuß und Rico Beweries (Revierwende) über die Frage, wie Aus- und Weiterbildungsbedingungen in Transformationsregionen attraktiver gestaltet werden können. Fazit der Diskussionsrunde: Auszubildende und weiterbildungsgewillte Beschäftigte in Transformationsregionen begegnen vielfältigen Herausforderungen: Einerseits fehlen mitunter klare Zukunftsperspektiven, oder die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen an den angestrebten Berufen sind schlecht. Andererseits sind es aber auch ganz praktische Alltagsthemen wie die Wohnortnähe eines Betriebes oder die Verfügbarkeit eines bezahlbaren ÖPNVs, die die Menschen beschäftigen. Unternehmen haben dies zum Teil schon erkannt und finden mitunter kreative Lösungen (wie z.B. Firmentickets, Pendlertaxis zu „Hidden Champions“ in ländlichen/strukturschwachen Regionen). Eine Empfehlung, um den Nachwuchsfachkräften, sowie Quereinsteiger*innen Aus- und Weiterbildung zu erleichtern, wären systematische und in die Fläche wirkende politische Maßnahmen. Das könnten z.B. Weiterbildungsagenturen, eine durch einen Zukunftsfonds finanzierte Ausbildungsumlage, die verbesserte soziale Absicherung während der Aus- und Weiterbildung, ein zuverlässiges und bezahlbares ÖPNV Angebot, oder betriebsnahe Azubiwohnungen sein.

Zu Beginn hob Ute Neumann die für viele Auszubildende in Sachsen-Anhalt fehlende Anschlussperspektive hervor: Laut DGB-Ausbildungsreport wüssten 44 % der Auszubildenden im dritten Lehrjahr noch nicht, ob sie übernommen werden. Viele Jugendliche entschieden sich auf Grund der größeren Planungssicherheit daher von vorneherein für eine Ausbildung im Öffentlichen Dienst. Die Wohnortnähe spielt bei der Ausbildungsplatzwahl ebenfalls eine große Rolle: 50 % der Jugendlichen wollen einen Ausbildungsplatz in der Nähe ihres Wohnortes. Die Gründe dafür sind vielfältig: Auszubildende in Sachsen-Anhalt sind im bundesweiten Vergleich jünger und wollen noch nicht allein wohnen. Die Kombination aus unterdurchschnittlicher Ausbildungsvergütung und hoher Mieten führe ebenfalls zur wohnortnahen Ausbildungswahl. Zudem gebe es in Sachsen-Anhalt lediglich 25 Berufsausbildende Schulen und dementsprechend hohe Mobilitätskosten (trotz des landesweiten Azubitickets). Was es aus gewerkschaftlicher Sicht daher brauche, ist ein finanzierbarer und zuverlässiger ÖPNV, eine höhere Ausbildungsvergütung und günstige Wohnmöglichkeiten, wie z.B. Azubiappartments.

Martin Wohlgemuth stellte anschließend die Arbeit der Landesinitiative Fachkraft im Fokus vor. Diese beschäftigt sich u.a. auch mit der Arbeitgeberattraktivität in der Region und ermittelt in regelmäßigen Umfragen die Erwartungen von Beschäftigten und Auszubildenden, auch hinsichtlich der langfristigen beruflichen Perspektive. Denn auch die Auswirkungen der Megatrends Dekarbonisierung, Digitalisierung und Demografie entscheiden über die Berufswahl.  Ein für die Auswahl nicht zu unterschätzender Faktor sind auch Alltagsfragen, wie beispielweise die Anfahrt zum Betrieb. Sowohl während einer Aus- als auch einer Weiterbildung sei es zudem entscheidend, dass der Lebensunterhalt der Beschäftigte gesichert ist, gerade bei außerbetrieblichen Weiterbildungen, bei denen die Förderung des Weiterbildungschancengesetzes nicht greife. In diesen Fällen biete das Land Sachsen-Anhalt verschiedene Landesprogramme an, z.B. zur Berufsrückkehr von Frauen.

Um die Matchingprobleme am Ausbildungsmarkt zu lösen, brauche es laut Ute Neumann eine über einen Zukunftsfonds finanzierte Ausbildungsplatzgarantie. Dabei müssten alle Betriebe mit mindestens zehn Mitarbeitenden gemeinsam einzahlen. Über eine solche Ausbildungsgarantie könne auch die Verbundausbildung gestärkt werden, was auch zu einer individuelleren Berufsbildungsplanung beitrage: In welchen Bereichen brauchen wir perspektivisch Fachkräfte? Auch brauche es für sozial benachteiligte Jugendliche passgenauere Angebote. Dabei helfen könne eine Verlaufsstatistik beim Übergang zwischen Schule und Beruf, die in Deutschland bisher noch nicht existiert. Dies verbunden mit einer Ausbildungsgarantie, sowie einer passgenauen Berufsorientierung in den Jugendberufsagenturen könne die Übergänge und damit auch die Arbeitsmarktintegration benachteiligter Jugendlicher aus gewerkschaftlicher Sicht erleichtern.

Das Erfordernis von Weiterbildungsverbünden sieht auch Martin Wohlgemuth, und spricht sich für eine Ausweitung der Kooperationen aus. In Sachsen-Anhalt gebe es zudem mit den Weiterbildungsagenturen eine Bündelung staatlicher Stellen zum Thema Weiterbildung. Ein*e zentrale*r Ansprechpartner*in, sowie eine Telefonhotline trage bereits deutlich zum Abbau von Zugangshürden bei.

Ute Neumann hob zum Schluss des Themenforums hervor, dass Tarifbindung ein entscheidender Faktor bei der Bewertung eines Ausbildungsberufes ist: So werden insbesondere Handwerksberufe auf Grund der Vergütung und der Arbeitszeiten im Gegensatz zur Industrie deutlich schlechter bewertet. Auch sehen die Befragten das Handwerk als in der Transformation schlechter aufgestellt: Gerade einmal die Hälfte aller Betriebe habe sich damit beschäftigt und bereits Arbeitsprozesse angepasst oder Weiterbildungen angestoßen. Auch gebe es nach wie vor frauen- und männerdominierte Berufe: Berufe im Handwerk sind dabei weniger mit Familienarbeit vereinbar, auch wird das Arbeitsklima dort von Frauen schlechter bewertet.

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