Sachsen: Modellprojekt Entgeltgleichheit – »Weil Frau es sich mehr als verdient hat«

Für gleiche oder gleichwertige Arbeit müssen Frauen und Männern gleich vergütet werden. Seit Jahrzehnten ist dieses Gebot der Entgeltgleichheit europarechtlich und verfassungsrechtlich garantiert. Trotzdem besteht die geschlechtsspezifische Entgeltlücke durchgängig fort – Gender Pay Gap. Auch wenn sich diese in Deutschland über die Jahre verringert, erhalten Frauen in Deutschland im Jahr 2021 immer noch durchschnittlich brutto 18 Prozent weniger Stundenlohn als ihre männlichen Kollegen. Demnach erhielten sie im Jahr 2021 mit durchschnittlich 19,12 Euro einen um 4,08 Euro geringeren Bruttostundenverdienst als Männer (23,20 Euro). Und der Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern setzt sich im Alter fort, demzufolge Frauen weniger Rente erhalten als Männer und so in eine Armutsfalle geraten.

Um für die bestehende Ungleichheit in Sachsen mehr Transparenz und ein stärkeres Bewusstsein zu schaffen, hat das Staatsministeriums der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung in Kooperation mit dem DGB-Bezirk Sachsen das Modellprojekt „Entgeltgleichheit – Weil Frau es sich verdient hat“ initiiert. In der digitalen Workshopreihe zum Thema „Gender Pay Gap in Sachsen“ werden Ursachen und Handlungsmöglichkeiten zur Beseitigung der geschlechtsspezifischen Lohnlücke im Freistaat Sachsen aufgezeigt.

  1. Workshop: »Gender Pay Gap in Sachsen – regional betrachtet«

Im Auftaktworkshop wurde auf der Grundlage einer aktuellen Studie des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) zum Gender Pay Gap in Sachsen ermittelt, wo in den einzelnen Regionen konkret angesetzt werden muss, um mehr Entgeltgleichheit zu erreichen. Dafür kamen regionale Entscheidende und Praktiker*innen aus ganz Sachsen am 3. November digital zusammen.

Unsere Kollegin Katrin Treffkorn vom REVIERWENDE-Büro Görlitz brachte dabei regionale Aspekte aus Ostsachsen ein. Denn auch wenn der vom IAB ermittelte Gender Pay Gap im Landkreis Görlitz sachsenweit am niedrigsten ist (Gap unbereinigt/erklärbar: 0,9; bereinigt/nicht erklärbar: 9,1) erklärt dies nur ein Teil der hier bestehenden geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiede. Denn laut Arbeitsagentur arbeitet jede zweite sozialversicherungspflichtig Beschäftigte Frau in den Landkreisen Görlitz und Bautzen in Teilzeit, zumeist bedingt durch Sorgearbeit für angehörige Kinder oder Eltern. Bei den Männern ist dies nur jeder 8. Damit arbeiten in den Landkreisen Görlitz und Bautzen viermal so viele Frauen in Teilzeit wie Männer! [Arbeitsagentur Bautzen, Juni 2021] Diese Teilzeit-Beschäftigten werden bei der Ermittlung des Gender Pay Gaps aber nicht berücksichtigt.

Und auch die geringe Tarifbindung in Sachsen (von nur 43 Prozent der Beschäftigten in 15 Prozent der Betrieben) führt zu deutlich niedrigeren Verdiensten (bis zu 20 Prozent weniger Lohn) und längeren Arbeitszeiten für alle Beschäftigten. Dabei zeigen sich zwischen Frauen und Männern bei der Tarifbindung in Sachsen keine geschlechtsspezifischen Unterschiede. Allerdings arbeiten Vollzeitbeschäftigte (40 Prozent) häufiger in tarifgebundenen Unternehmen als Teilzeitbeschäftigte (37 Prozent). Und am geringsten fällt die Tarifbindung mit 22 Prozent bei den geringfügig Beschäftigten aus [WSI, 2019]. Aber auch dort, unter den sog. Minijobbern, ist der Frauenanteil in Ostsachsen mit 54 Prozent signifikant höher.
Folglich: Wo Männer schlecht bezahlt werden, verdienen Frauen nicht besser, der Gender Pay Gap ist dort offenbar „nur“ geringer!

Um also die real bestehenden Entgeltlücken zwischen Männern und Frauen zu schließen, bedarf es mehr Transparenz, Problembewusstsein und konkreter betrieblicher Handlungsinstrumente, Damit verbunden sind auch besserer Rahmenbedingungen für partnerschaftliche Vereinbarkeitsarrangements für Frauen und Männer bezüglich der zusätzlichen und nicht bezahlten Sorgearbeit, damit Frauen nicht länger gezwungen sind, über Verzicht oder Doppelbelastung nachdenken zu müssen.

  1. Workshop: »Gender Pay Gap in Sachsen – betriebliche Handlungsmöglichkeiten«

Und hier setzte der Zweite Onlineworkshop für Unternehmer:innen, Betriebs:rätinnen, Vertreter:innen der sächsischen Kommunen (Kommunalverwaltung und Politik), der Wirtschafts- und Sozialpartner sowie Praktiker:innen aus den Bereichen Arbeitsmarktverwaltung und Gleichstellung am 1.12.2022 konkret an.
Denn faire Lohnpolitik und Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind für viele Unternehmen in Sachsen ein Anliegen, weil diese wichtig sind für die Standortentwicklung und Fachkräftesicherung.

Benachteiligungen von Frauen als Arbeitnehmerinnen entstehen oftmals unbewusst, weil Bewusstsein für Gleichstellungsaspekte fehlt und wenig Transparenz im Unternehmen vorhanden ist. Deshalb lohnt sich die freiwillige betriebliche Prüfung, ob Beschäftigte für gleiche oder gleichwertige Arbeit tatsächlich gleich bezahlt werden. Welche geeigneten Verfahren für Entgeltprüfungen aber gibt es? Und welche weiteren Ungleichheiten für Frauen bestehen, bspw. hinsichtlich Weiterbildung, Entwicklung und Aufstieg.

Ein konkretes Handlungsinstrument zur Verbesserung der Attraktivität von klein- und mittelständischen Unternehmen als Arbeitgeber für Männer und Frauen gleichermaßen, bietet der kostenlose KMU-Gleichstellungscheck. Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2020 entwickelt, bietet er allgemeine Informationen und konkrete Schritt-für-Schritt-Anleitung für Maßnahmen in 4 Handlungsbereichen: (1) Personalrekrutierung, (2) Arbeitsbedingungen, (3) Arbeitsentgelt, (4) Kommunikation/Zusammenarbeit, um vom Ist- zum Soll-Zustand zu kommen.

Weitere Fachimpulse von Expert:innen zum Thema sowie Best-Practice-Beispielen aus dem Unternehmensprogramm des Bundes „Entgeltgleichheit fördern – Unternehmen beraten, begleiten, stärken“ können in der Dokumentation zum Workshop unter https://buergerbeteiligung.sachsen.de/portal/smjus/beteiligung/themen/1032145 nachgelesen werden.

Nächste Termine

  1. Online-Workshop: „Gender Pay Gap in Sachsen – individuelle Handlungsmöglichkeiten“ am 7. März 2023
  2. Präsenz-Workshop: „Gender Pay Gap in Sachsen – Lösungsansätze, um an den richtige Stellschrauben zu drehen“ am 7. Juni 2023

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