Themenforum 1: „Jahrzehnt der Guten Arbeit im Fachkräftemangel? Zukunftsbranchen und ihre Arbeitsbedingungen“

In Themenforum 1 diskutierten Dr. Per Kropp (IAB Sachsen-Anhalt/Thüringen) und Sascha Wollert (Regionalleiter IG BAU Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen), unter Moderation von Marko Schmidt und Manfred Maresch (Revierwende) über Arbeitsbedingungen der mit der Dekarbonisierung stark wachsenden Zukunftsbranchen und mögliche Strategien zur Fachkräftegewinnung. Fazit der Diskussionsrunde: Der Arbeitsmarkt entwickelt sich zunehmend zu einem Arbeitnehmer*innenmarkt, gleichzeitig wächst das Bewusstsein, sich zu organisieren und für Tarifverträge zu kämpfen. Daher kann man optimistisch sein, dass dieses Jahrzehnt das Jahrzehnt der Guten Arbeit wird. Das gesteigerte Bewusstsein für Umwelt- und Klimaschutz dürfte eine große Motivation für viele Beschäftigte und Schulabgänger sein, sich in die Zukunftsbranchen (z.B. in „Green Jobs“ im Handwerk) zu orientieren. Dies zeigt auch das Beispiel des Duisburger Handwerks, welches im letzten Ausbildungsjahr alle freien Ausbildungsplätze besetzen konnte. Gleichzeitig müssen die Arbeitsbedingungen in diesen Branchen aber deutlich verbessert werden, um Fachkräfte auch in den Kohleregionen ziehen zu können und vorhandene Potenziale zu halten.

Zu Beginn skizzierte Per Kropp die Bedeutung der Zukunftsbranchen (z.B. Bioökonomie, Wasserstoff, Gebäudesanierung) für die Begrenzung des weltweiten Temperaturanstiegs. Um die globalen Auswirkungen des Klimawandels einzuschränken, brauche es auch in Deutschland Fachkräfte, die die Dekarbonisierung der Wirtschaft praktisch umsetzen. Die Fachkräftesituation ist allerdings vor allem in Ostdeutschland demografisch bedingt sehr angespannt. Gleichzeitig benötigen allein die Maßnahmen zum Klima- und Umweltschutz der Ampelregierung ab 2025 jährlich 400.000 zusätzliche Fachkräfte. Allerdings sei noch unklar, welche konkreten Qualifikationen und Kompetenzen benötigt werden, was u.a. auch mit der Entwicklung des globalen Temperaturanstiegs zusammenhänge. Würde das 1,5 Grad Ziel deutlich verfehlt, bräuchte es beispielsweise mehr Fachkräfte im Bereich der Klimafolgeanpassung (z.B. Kälteinseln, Hochwasserschutz, Entwicklung klimaresistenter Nutzpflanzen). Per Kropp empfiehlt, Beschäftigte in CO2 intensiven Branchen schnellstmöglich im Bereich Erneuerbare Energien zu qualifizieren und gleichzeitig die soziale Absicherung auszuweiten. Klimaschutz müsse man heutzutage nicht studieren, stattdessen könne man auch durch eine Beschäftigung im Handwerk konkret dazu beitragen.

In seinem Eingangsstatement betonte Sascha Wollert, dass der Strukturbruch mit der Wende in Ostdeutschland eine einschneidende Erfahrung im Leben vieler Menschen war, und noch immer bei der Bewertung des aktuellen Strukturwandels nachwirke. Daher sei es vor allem in den ostdeutschen Transformationsregionen eine wichtige Aufgabe für Gewerkschaften, Betriebsräte und Politik die Notwendigkeit der Energiewende und den gerecht gestalteten Weg dorthin zu erklären. Einen besonderen Beitrag dazu, Menschen überhaupt in den Kohleregionen zu halten oder zu gewinnen, leisten Tarifverträge. Denn dort, wo es gute Arbeitsbedingungen gibt, bewerteten die Menschen dies als Zukunftsindikator und blieben in ihrem jeweiligen Betrieb und ihrer Region. Gefragt nach einer konkreten Zukunftsbranche hob Sascha Wollert die Bedeutung der Baustoffindustrie für die Transformation hervor. Um die Umstellung dieser besonders CO2- intensiven Industrie zu gestalten, benötigt die Baubranche dringend Fachkräfte, gleichzeitig liegt die Ausbildungsabbruchquote dort bei 60 %. Um dieser Herausforderung zu begegnen und Ausbildungsbedingungen in der Baubranche zu verbessern, hat die IG BAU gemeinsam mit den Arbeitgebern der Region eine umlagefinanzierte Ausbildungskasse gegründet. Mit Blick auf Weiterbildung im gesamten Strukturwandel betonte Sascha Wollert, dass Qualifizierung nicht von kurzfristigen Entscheidungen der Politik abhängig gemacht werden dürfe. Vielmehr müsse der Gesetzgeber, anders als beim Zusammenbruch der deutschen Solarindustrie vor zehn Jahren, verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, die auch eine Planungssicherheit der Beschäftigten ermöglicht. Schließlich müssten sich junge Menschen auch sicher sein können, dass ihr jeweiliger Zielberuf auch zukunftsfest ist.

Diesen Punkt unterstützte auch Lars Katzmarek, Revierbotschafter der Revierwende für die Lausitz. Diejenigen, die in der Lausitz aufgewachsen sind, wollten in der Regel auch bleiben. Daher sei es wichtig, auch mit den Auszubildenen der LEAG über ihre Perspektiven in der Energiewirtschaft nach der Ausbildung zu sprechen. Wenn die jungen Menschen gut bezahlte, industriell und tariflich gesicherte Arbeitsplätze hätten, bleiben sie auch in der Lausitz und tragen so zur Fachkräftesicherung bei.

Manfred Maresch betonte, dass es vor dem Hintergrund des vorgezogenen Kohleausstieg im Rheinischen Revier noch keine Antworten auf die Frage gebe, wie auch der Strukturwandel und damit die Schaffung von Arbeitsplätzen beschleunigt werden soll. Hinzu komme, dass es bis 2030 wegen der Energiekrise noch einen erhöhten Fachkräftebedarf in Kohlewirtschaft geben wird. Die Menschen im Revier müssten ihre zukünftige berufliche Rolle finden können. Nach wie vor gelte für alle Betroffenen, auch für die Beschäftigten der Zuliefererbetriebe: „Niemand darf ins Bergfreie fallen!“.

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