11.04.22
Allgemein

Themenforum 3: Beteiligung - Gemeinsam und gerecht!

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Im Themenforum Gemeinsam und gerecht – betriebliche und regionale Beteiligung für eine gerechte Transformation diskutierten Fränzi Straßberger (Sprecherin des Bündnisses der Lausitzer Gleichstellungsbeauftragten im Strukturwandel), Bernd Matthieu (Transformationswerkstatt Saar der IG Metall) und Anikó Popella (Projekt #mission2038 der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung) zusammen mit Katrin Treffkorn (Revierwendebüro Lausitz in Görlitz) unterschiedliche Perspektiven und Herausforderungen für Beteiligung im Strukturwandel.

Fränzi Straßberger hob hervor, dass die Gleichstellungsperspektive im Strukturwandel bisher lediglich eine untergeordnete Rolle spiele. Und das, obwohl viele junge und gut ausgebildete Frauen seit Jahren die Lausitz verlassen. Gemeinsam müsse man daher zunächst die „Strukturen wandeln, um Strukturwandler*in zu werden“. Entscheidend dafür sei auch, dass sich kommunale Gleichstellungsbeauftragte, die tendenziell eher als Einzelkämpfer*innen unterwegs seien, stärker vernetzen. Daher arbeitet das Bündnis der Lausitzer Gleichstellungsbeauftragten bereits eng mit Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Ergebnisse dieser kontinuierlichen Zusammenarbeit ist u.a. die Studie „Wer kommt, wer geht, wer bleibt?“, sowie mehrere Positionspapiere zu den Lebenschancen und -realitäten von Frauen in der Lausitz

Kernforderungen des Bündnisses sind:

  • eine geschlechtergerechte Verteilung der Strukturstärkungsmittel
  • eine paritätische Besetzung der Gremien, welche Strukturprojekte auswählen und bewilligen
  • eine verbindlichere Beteiligung von Gleichstellungsbeauftragten im Strukturwandelprozess
  • eine geschlechtergerechte Sitzungskultur (z.B. hinsichtlich Zeitpunkt und Dauer)
  • ein regelmäßiger Gleichstellungscheck, der die Einhaltung dieser Punkte überwacht

Unterstützung für ihre Arbeit erhofft sich Fränzi Straßberger vom Revierwende Projekt insbesondere durch den revierübergreifenden Austausch. Aber auch durch Informationen zu Beteiligungsstrukturen, sowie zur geschlechterspezifischen Strukturdaten kann die Revierwende Gleichstellungsbeauftragte in ihrer wichtigen Arbeit unterstützen.

Einen Blick für die betriebliche Perspektive für Beteiligung im Strukturwandel eröffnete Bernd Matthieu. Das Saarland erlebt nach dem Ende des Steinkohlebergbaus innerhalb von kurzer Zeit nun einen zweiten größeren Strukturwandel, jetzt vor allem in der Stahl- und Automobilbranche. Die Energie- und Mobilitätswende bringt auch für die vielen Automobilzulieferer im Saarland zahlreiche Herausforderungen mit sich. In Zusammenarbeit mit den örtlichen IG Metall Geschäftsstellen hat der IG Metall Bezirk Mitte daher vor zwei Jahren mit der Transformationswerkstatt eine Koordinierungsstelle geschaffen, um die unterschiedlichsten Akteure aus Gewerkschaften, Betriebsräten, Politik, Arbeitsagenturen, IHK und HWK zu vernetzen und die Beschäftigtenperspektive in die Debatte mit einzubringen. Durch das Betriebsrätenetzwerk ist zudem eine Unterstützungsstruktur entstanden, mit deren Hilfe sich Betriebsrät*innen in Fragen der Qualifizierung und Weiterbildung von Beschäftigten (z.B. bei Einführung neuer Produktionsprozesse), zur Ausarbeitung von Betriebsvereinbarungen im Strukturwandel, oder zu Grundlagenthemen der Struktur- und Regionalpolitik informieren können.

Anikó Popella berichtete vom Projekt #mission2038 der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, welches sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen im Strukturwandel einsetzt. Vor dem Hintergrund von Fachkräfteengpässen in den Kohlerevieren sei es wichtig, die Zugänge und Strukturen für Engagement auch für Kinder und Jugendliche zu verbessern. Es gelte, Abwanderungsbewegungen zu verhindern und auch junge Menschen zum Zuzug in die Kohlereviere zu bewegen. Schließlich haben junge Menschen viele konkrete Ideen und auch Lust, sich im Strukturwandelprozess mit einzubringen. Das Projekt #mission 2038 nutzt bereits innovative Veranstaltungsformate, wie z.B. die regionale Ideenwerkstatt, bei der in einem demokratischen Wettbewerb ganz konkrete Projekte mit eigener Budgetverantwortung durch die Jugendlichen umgesetzt werden.  Durch eine intensive Prozessbegleitung werden Jugendliche zudem bei der Umsetzung ihrer Vorhaben unterstützt. Ein weiterer Ansatz zur Beteiligung von Jugendlichen im Strukturwandel ist unter anderem auch der Jugendstadtrat im sächsischen Weißwasser.

In der anschließenden Diskussion wurde über Möglichkeiten diskutiert, die Beteiligung im Strukturwandel zu verbessern. Im Verlauf der Projektauswahl von Strukturwandelprojekten gebe es z.B. bei der Begutachtung von Projektskizzen durch die Kommunen die Möglichkeit, auch verstärkt die Expertise der Gleichstellungsbeauftragten zu nutzen. Das gleiche gelte für die Revierausschüsse, bzw. die regionalen Begleitausschüsse, in denen Gleichstellungsbeauftrage, aber auch Beschäftigte und Gewerkschaften viel stärker einbezogen werden müssten.

Gefragt nach den Wünschen der Jugendlichen in der Lausitz verwies Anikó Popella auf den Anspruch nach beruflicher und persönlicher Verwirklichung, sowie nach Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit. Diese Erkenntnis, sowie eine jugendgerechtere Sprache und die Sichtbarkeit von Berufszweigen müssten noch viel stärker bei den Unternehmen vor Ort, aber auch bei den Arbeitsagenturen und Kammern ankommen. In diesem Zusammenhang hob Bernd Matthieu hervor, dass die Transformationswerkstatt Saar bereits intensiv mit den Jugend- und Auszubildendenvertretungen zusammenarbeitet, um den Jugendlichen die Skepsis vor industriellen Berufen zu nehmen und Perspektiven aufzuzeigen.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass sich die Beteiligung im Strukturwandel sehr vielseitig gestaltet. Die hohe Organisationsmacht der Gewerkschaften und der betrieblichen Akteure kann z.B. auch für die Gleichstellungs- und Jugendperspektive genutzt werden. Schließlich sind Arbeitnehmer*innenorganisationen ein bewährtes Instrument, um Beteiligung zu ermöglichen und für soziale Rechte zu streiten. Wenn Kompetenzen gebündelt werden und gesellschaftlich breite Kooperationen entstehen, kann Transformation sozial und ökologisch gelingen. Entscheidend dafür sind neben einer wirkmächtigen Beteiligung in den entscheidenden Gremien auch die Bereitstellung von Strukturmitteln, um die Beteiligung auch inhaltlich und personell mit Leben füllen zu können.

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